Zene Artzney

Die Zahnheilkunde in der Karikatur


Das Ungewöhnliche und Gauklerische des Zahnreißers der vergangenen Jahrhunderte ist verflogen und der Markt- oder Dorfplatz mit staunenden und schadenfrohen Menschen, die den Leidenden umringten, ist einem durchgestylten und funktionellen Behandlungszimmer gewichen. Doch seit jeher haben sich Spötter gern des Zahnarztes bemächtigt. Die Dramatik des Augenblickes einer Zahnextraktion muß schon immer beeindruckend gewesen sein. Erste Beispiele finden sich schon in vorchristlicher Zeit und lassen sich durch die Jahrhunderte bis heute verfolgen. Der häufig unerträgliche Schmerz, die mit den unterschiedlichsten Affekten beladene Situation der Behandlung und die oft unmittelbar erfolgende Erleichterung, sind schon im 17. Jahrhundert von berühmten Malern eindrucksvoll dargestellt worden. Die Karikatur nimmt bei der Darstellung eine Sonderstellung ein, da durch sie vor allem menschliches Verhalten und Schwächen aufgezeigt werden, aber auch - und dies besonders in der ersten Zeit -, den Menschen ein zeitkritischer Spiegel vorgehalten wird. Die Karikatur kann als eine bildliche Ausprägung der Komik in ihrer philosophischen Haltung primär dem Humor zugerechnet werden, der die Welt, trotz oder gerade wegen ihrer Schwächen, noch liebenswert findet. Doch der Widerspruch zum Gewohnten, der belustigende Einfall, der das Lachen des Betrachters provoziert, kann den Karikaturisten, je nach dem Gegenstand und der Schärfe seiner Kritik, auch zum Satiriker werden lassen, bei dem der Verlust aller Illusionen den Hass auf das Bestehende und seine völlige Verurteilung nach sich zieht, und der so das Lachen des Betrachters in die Auflehnung gegen den jeweiligen Status Quo lenken will.

Das Ziel der Karikatur - die Verspottung - kann auf verschiedene Art und Weise erreicht werden. Die Übergänge zwischen gutmütig-humoriger und bitter-ätzender, bis hin zu brutalwiderlicher Darstellung sind fließend. Bei der Beurteilung der Entwicklungsgeschichte der Zahnheilkunde vermitteln die Karikaturen -bedingt durch ihre subjektive Prägung - Zeitgeist und -meinung und geben einen Einblick in das Leben und Treiben jener Zeit. Außerdem überliefern sie die jeweils gebräuchliche Einrichtung sowie Behandlungsmethoden und Instrumentarium.

Bei der Betrachtung der Entwicklung der Karikatur ab dem Jahre 1880 fällt jedoch auf, daß dem Fortschritt in der Zahnheilkunde zunächst überhaupt keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Asepsis, Lokalanästhesie, Röntgen bleiben unerwähnt, das Mittel der Wahl ist immer noch die Extraktion; konservierende Behandlungsmethoden finden quasi keine Beachtung, und als prothetische Versorgung erscheint nur die Totalprothese. Dies ist jedoch nicht verwunderlich, sind Karikaturisten doch zahnmedizinische Laien, die den Stand der wissenschaftlichen Zahnheilkunde nicht kennen können. Daß Zangen häufig unrealistisch groß als Folterinstrumente dargestellt werden erstaunt nicht, denn genauso nimmt sie der gestresste Patient wahr. Frauen als Behandlerinnen erscheinen sehr selten in zahnmedizinischen Karikaturen, was jedoch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein der Realität entsprochen haben dürfte. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts treten allerdings zum erstenmal Ehe- und Erotikwitze auf, für die die körperliche Nähe der zahnärztlichen Behandlung geradezu prädestiniert scheint. Meist ist die Patientin eine Blondine mit übertriebenen weiblichen Attributen, und das Ziel des Zahnarztes ist die Eroberung dieses "steilen Zahnes", ist er doch nicht an der Beschwerdesymptomatik der Patientin interessiert, sondern ausschließlich von ihren erotischen Reizen beeindruckt.

Der Darstellung des Arzt-Patienten-Verhältnisses kommt eine ganz besondere Bedeutung zu, spiegeln sich doch hier die psychologischen Begleitumstände einer zahnärztlichen Behandlung, der besondere Faktor „Zahnschmerz", Angst und Abwehr des Patienten, und Art und Weise der Behandlung durch den Zahnarzt aus dem Blickwinkel des Patienten wider. Auch das Sozialprestige des Zahnarztes im jeweiligen Zeitabschnitt wird in der Karikatur transparent. Jeder Mensch benötigt den Arzt das ganze Leben lang und muß ihn, ebenso wie den Zahnarzt, bezahlen - für etwas, was häufig genug unangenehm ist. War man als Patient schon gestraft genug, den Schmerz ertragen zu müssen, demzufolge gezwungen, eine Behandlung über sich ergehen zu lassen, wurde man auch noch bestraft, weil man ein Honorar zu zahlen hatte. So ist beispielsweise kurz nach der Freude über die Schmerzbefreiung das lange Gesicht des Bauern Kracke in Wilhelm Busch's (1832 -1908) „Der hohle Zahn", als er das Honorar bezahlen muß, nicht zu übersehen. (Gegenstand von Busch's Darstellung ist also die Sentenz, daß Dankbarkeit nur kurze Füße hat und daß, wenn der Schmerz verschwunden ist, auch das dankbare Gefühl für den Befreier (hier den Zahnarzt) schwindet. Die Honorarfrage ist ein altes leidiges Thema in der Zahnarzt-Patienten beziehung und taucht deshalb auch in Witzen und Karikaturen immer wieder auf. Interessanterweise wird 1912 vorerst die letzte Karikatur, die Honorarfrage betreffend, veröffentlicht (gezeichnet von K. Elleder im Jahre 1911). Grund dafür ist, daß die Zahnbehandlung im Jahr 1911 in die Reichsversicherungsordnung aufgenommen wurde, und so die meisten Patienten die Behandlung nicht mehr aus der eigenen Tasche bezahlen mußten. Ein dankbares Thema war somit den Spöttern abhanden gekommen. Erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts lebte dieses Thema wieder auf.

Bemerkenswert ist auch ein latenter Antisemitismus, der sich in der Karikatur, insbesondere zum Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts, immer wieder Themen aussucht, bei denen es um das liebe Geld geht. Im Mittelalter übten Barbiere und Bader die sogenannte kleine Chirurgie aus - und das „Zahnziehen" gehörte dazu. Aus diesem Personenkreis stammten die geschäftstüchtigen Scharlatane, die auf Jahrmärkten öffentlich auftraten und laut und reißerisch ihr Geschick anpriesen. In einer „Vermischten Neuigkeit" der „Königlich privilegierten Berlinerischen Zeitung" in Berlin 1771 heißt es noch „Seiltänzer, Gaukler, Luftspringer, Zahnärzte und dergleichen herumziehendes Gesindel". Der erste Schritt der Zahnärzte zu einer sesshaften Praxis bestand darin, sich bei der Ausübung ihres Berufes in Gasthäusern einzumieten. Durch Ausrufer, Plakatanschlag oder Annoncen in Zeitungen wurden die Patienten herbeigelockt. Waren die fälligen Zähne „ausgebrochen", zog man weiter.

Den üblen Geschäftsmethoden der Zahnreißer und ihrer Skrupellosigkeit verdankt die Zahnheilkunde, daß bei den Menschen der Glaube tief verwurzelt ist, alle Zahnärzte seien Grobiane und übten ihren Beruf brutal aus. Kennzeichnend erscheint die Tatsache, daß die Zahnärzte in Deutschland bis 1825 von vielen Menschen den Quacksalbern zugerechnet wurden. Aus diesem Grund herrscht auch das Motiv der Brutalität vor und ist erst später durch andere Motive oder Geschehnisse, die die Menschen zu einer bestimmten Zeit beschäftigten, teilweise zurückgedrängt worden.

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